Zur Interpretin

Ich, Gabriele Mitschka, Jahrgang 1959, drücke schon als kleines Kind meiner Umgebung mit meiner kräftigen Stimme und Lärmgeräten den Stempel auf. In der Singschule wird mir das Singen ausgetrieben, weil es dort so viele falsche Töne gibt und die Kinder deshalb in der Ecke stehen müssen. Bei Frau Ziegler in München- Aubing werde ich als Kind und Jugendliche an der Gitarre im Gruppenspiel in Volksmusik und Klassik ausgebildet. Vergebens warte ich, dass endlich Rock` n Roll drankommt.

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Mit Vierzig mache ich eine Ausbildung in Frauenmusiktherapie bei Eva Bauer in München und Bad Königshofen mit dem Schwerpunkt Stimme. Mit Eva Bauer (Life Musik München), Margarethe Leube und Freundinnen toure ich 9 Jahre lang quer durch die Republik und trete als Sängerin auf. Ich interpretiere die „Hexenlieder“ von Inge Latz und die Göttinenlieder von Eva Bauer.
Seit 2010 schreibe ich eigene Lieder. Singweib! hat keine Angst vor großen Bühnen. Auf der Oidn Wiesn singe ich 2011 im Festzelt zur Schönheitskönigin als Extraeinlage FINGER WEG VON MEINER MUSCH von Liesl Gehrer.

Nach einer Phase am Kontrabass mit Elmar Guantes als Lehrer höre ich im Radio den bairischen Bluespoeten Schorsch Hampel und werde Gitarrenschülerin bei ihm. Endlich lerne ich das, was ich mir schon immer gewünscht habe. Slide Gitarre mit und ohne Verstärkung, Blues. Schorsch Hampel sorgt für meine „Liederkinder“ wie ein treusorgender Großvater mit Arrangement und Produktion. Er treibt mir mit wachsamem Auge und Ohr so manchen Finger- und Verskrampf aus.

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Eine Stimmbandlähmung nach einer Operation 2017 bringt mich für kurze Zeit zum erzwungenen Schweigen. Seit 2020 werde ich von Carolin Roth gesangstechnisch betreut.
Ich verdiene mein Geld als freiberufliche Hebamme. Als Fachberaterin für Emotionelle Erste Hilfe kümmere ich mich um Babys, die viel und laut rufen und deren Eltern.

..Die Kleinen und großen Erlebnisse


Mein erster Lieblinssong

Feierabend. Ich habe drei Gruppen begleitet und nun warte ich auf die S-Bahn. Auf der Infotafel am Bahnsteig lese ich: „März 1962, Saint Tropez Twist, von Peppino di Capri in den Charts.“

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Der Text wirft meinen inneren Plattenspieler an. Schnelle E-Gitarren Vierviertel als Intro, das Saxofon röhrt. Mein erschöpfter Körper richtet sich auf. Dann setzt der Gesang ein: „In San Tropäh, da hab ich was dolles gäsähn. In San Tröpäh, da warr es um mich gä-äschähn. Bella bella bella donna mit dem dollen Däkoltä in San Tropäh.“ singt Peppino mit seinem unwiderstehlichen Akzent in meinem Kopf. In meine müden Hüften, die steifen Beine, kommt Bewegung. „Twist, Twist im Bikini, tanzen sie am Strandä“. Der Text taucht nach Jahrzehnten vollständig wieder auf.“Abärr därr Bikini warr so picco-picco-picco-piccolo klein.“ Ich wippe mit den Hüften, rutsche mit den Fußsohlen über die Steinplatten, ich singe mit, was ich in meinem inneren Ohr höre. Ich twiste auf dem Bahnsteig am Münchner Hauptbahnhof, ich, eine ältere Dame.

Ich bin drei oder vier Jahre alt. Ich verbringe das Wochenende bei meinen Eltern in der Au. Es duftet nach Kaffee. Onkel und Tanten sind da. Papa legt die brandneue Scheibe auf den Plattenspieler in der Musiktruhe GRUNDIG, die Mama mit in die Ehe gebracht hat. Ich liebe es, an dem runden Messingknopf zu drehen, bis der abfällt. Papa schraubt ihn dann wieder an der Schiebetür fest, bis zum nächsten Mal. Der Knopf ist blank von meinem Drehen. Was ich auf der Plattenhülle sehe, ist seltsam aufregend. In hautengen schwarzen Anzügen steht ein Paar in Ballettpose mit ausgebreiteten Armen im Sand. Sie tragen Melonen mit weißem Band. Die gertenschlanke Frau lehnt sich lässig an den Mann. Im Hintergrund ist der azurblaue Himmel zu sehen mit ein paar weißen Wolken, darauf der Titel in knallroten Lettern. Sie erwarten den Auftakt. Gleich werden sie mit ihren Hacken den Sand aufwirbeln und über den Strand tanzen.

Papa setzt den Arm mit dem Saphir auf die Platte. Er hat mir die Bezeichnungen für die Teile des Plattenspielers genau erklärt und ich habe sie mir gemerkt. Los geht’s! Sowas habe ich noch nie gehört, laut, fröhlich, wild, schnell. Meine Tante zeigt mir wie der Twist geht. Beine breit, locker in den Knien, wackeln mit den Hüften, die Fußsohlen rutschen übers Linoleum. Die Arme tanzen mit. Das macht Spaß! Die versammelte Verwandtschaft applaudiert. Die andere Tante zeigt mir lachend, was ein „Däkoltä“ ist. Ich lerne ein weiteres neues Wort: „doll“.
Immer wieder werde ich bei Familienfeiern aufgefordert, Twist zu tanzen. Ich liebe es. Ich tanze Twist im gelben Kleid mit Petticoat am Samstagnachmittag in der Mickey Mouse Bar zur Platte aus der Juke Box. Ich bekomme Fünfzigpfennigmünzen von meinem Publikum. Papa und ich haben bei unserem Spaziergang an der Isar einen Abstecher dorthin gemacht.

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Anschließend kaufe ich mir von meiner Gage, das Wort habe ich von der Wirtin gelernt, ein großes Eis in der italienischen Eisdiele, Vanille und Erdbeere. Ich lerne Melodie und Text durch Zuhören auswendig und habe so meinen Saint Tropez Twist immer bei mir. Ich kann ihn singen und dazu tanzen, wann immer es mir beliebt. Ich tue es für die Verkäuferinnen bei Tengelmann und erhalte eine Wiener oder eine Scheibe Gelbwurst als Gage.
Dann ist Cliff Richards „Rote Lippen soll man küssen in den Charts“. Ich lerne die erste Strophe, wenn das Lied im Radio läuft und kann den Erwachsenen damit eine Freude machen. Von Gittes „Ich will ´nen Cowboy als Mann` behalte ich auch nur die erste Strophe. Ich will keinen Mann. Vom Cowboy will ich nur das Pferd.

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Lange bevor „Alle meine Entchen“ und „Hänschenklein“ in mein Leben treten, bin ich vom Twist infiziert. Kinderlieder lerne ich erst in der Schule und mit den Beiheften zu den Kinderinstrumenten aus Plastik, die meine Tante mir schenkt. Da hat jeder Ton eine Farbe. So was „dolles“ wie der Saint Tropez Twist ist nicht dabei. Überhaupt gibt es für Kinder keinen Rock`n Roll.

Wie schön, ihn am Bahnhof wieder gefunden zu haben nach so vielen Jahren. Der Saint Tropez Twist baut mich auf, er macht mich lebendig und glücklich. Zu Hause höre ich mir gleich die italienische Version auf YouTube an. Sie kommt mir etwas schneller vor. Der Text ist nicht so sexistisch. Twisten die ganze Nacht, der Mond, der für uns aufgeht und die Sterne. Ich sehe das Paar in schwarz vor mir.

Tags drauf werde ich meine letzte Gruppe halten. Drei Tage später kommt der Corona Lockdown.

Ich packe meine E-Gitarre aus.

..Musik mit Biss


Meine erste Gitarre

Meine Gitarre ist oben im Einbauregal im Kammerl untergebracht beim Staubsauger und beim Teppichklopfer.

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Ich muss Mama bitten, mir den grauen Sack mit der Gitarre zu geben. Sie hat die Hoheit über alles, womit ich Lärm erzeugen kann.

Der Korpus der Gitarre trägt Spuren von meinem kindlichen Gebiss. Wenn die Gitarre nicht so spielen will wie ich, lernt sie meine zweiten Zähne kennen.

Mir tun die Fingerkuppen der linken Hand weh. Sie sind rot vom Greifen auf den harten Bünden. Mein erstes Lied ist D H D H A G A G, „Kuckuck rufts aus dem Wald“ auf den Baßseiten.




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Wenn die Gitarre nicht so spielen will wie ich, lernt sie meine zweiten Zähne kennen.

Singweib! auf Itunes

Hier gibts das Lied "Wenn i di oschaug" auf Itunes

Das Album gibts natürlich auch als CD zu kaufen.

..und zwar hier:
Amazon - "Singweib! A wuids Gfui"

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